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Kulturen politischer Entscheidung in der modernen Demokratie

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Emotionen in gesundheitspolitischen Entscheidungen in Deutschland und in Polen ca. 1985–1995

Teilprojekt Judith Grosch

Gefühle in der Politik sind allgegenwärtig: Ob in Form des „supersensiblen“ Robert Habeck, im Reden über Zukunftsängste oder in der Figur des sogenannten „Wutbürgers“ – die offene Artikulation von Emotionen in politischen Diskursen und die Anerkennung ihrer Wirkungsmacht auf politische Debatten und Entscheidungen tritt in Deutschland in jüngster Zeit deutlicher zutage denn je. Dies deutet vor allem auf eine veränderte politische Kultur hin, in der Emotionen als Argument und Teil von politischer Rhetorik akzeptiert und möglicherweise sogar notwendig geworden sind. Doch wie genau fließen Emotionen in Entscheidungsfindungsprozesse ein, wie werden sie dabei legitimiert und letztlich auch wieder „rationalisiert“? Und welche Emotionen genau sind es, die im politischen Diskurs als legitim verhandelt werden, während andere explizit oder implizit ausgeschlossen werden?

Das emotional regime der 1980er-Jahre

Die Ursprünge der beschriebenen Emotionskultur liegen bereits in den 1970er-Jahren, in denen das linksalternative Milieu, die Frauenbewegung und der sogenannte „Psychoboom“ Ängste nicht nur depathologisierten, sondern Emotionen auch zur Basis von politischem Handeln und ihre Artikulation zur unabdingbaren Voraussetzung für alltägliches Zusammenleben machten. Die 1980er-Jahre trugen dieses neue emotional regime in noch extremerer Weise in den politischen Raum als zuvor: So schöpfte auch die Umwelt- und Friedensbewegung ihre enorme Mobilisierungskraft zu großen Teilen aus der Aktivierung und positiven Aufwertung von Emotionen. Und spätestens mit dem Eintritt der Grünen-Partei in den Bundestag hielt eine neue emotionalisierte politische Rhetorik Einzug in bundespolitische Debatten.

Körperbezogene Gefühle

Körperbezogene Emotionen spielten dabei in den 1980er-Jahren eine entscheidende Rolle: die Angst vor radioaktiver Strahlung, Pestiziden und Gentechnik, ungesunder Industrienahrung, Krebs, Aids, Herzinfarkten und stressbedingten Krankheiten einerseits und die Angst vor einem Staat, der seine BürgerInnen nicht ausreichend vor ebenjenen Gefahren schützte, schlugen sich nieder in einem Kult um Ernährung, Vegetarismus, Yoga und anderen Stressmanagementtaktiken, in einem Boom der Fitnessbranche und schließlich auch in politischen Debatten um Gesundheit und Körper, in die Emotionen wie Ängste, aber auch Scham, Vertrauen, Wut und Empörung Eingang fanden. Eben diese Debatten und die politischen Entscheidungen, die an ihrem Ende standen, stehen im Zentrum des Projekts. Die Gesundheitsreformen von 1989 und 1993 sollen der Untersuchung dabei einen groben zeitlichen Rahmen geben.

Der transnationale Vergleich

Eine dreifach vergleichende Perspektive zwischen Bundesrepublik Deutschland, DDR und Polen verspricht dabei Erkenntnisse über die zeitgleich bestehenden Unterschiede in den jeweiligen politischen Systemen, aber auch über ihre transnationalen Parallelen im Umgang mit Emotionen. Das Projekt ermöglicht daher auch tiefere Einblicke in mögliche internationale Verflechtungen, die sowohl über die Ost-West-Grenzen im späten 20. Jahrhundert als auch über die zeitliche Zäsur von 1989 hinausgehen.